Alpenblumen – Farbige Wunder

Von Manfred Angerer

Lange, lange Zeit schon, noch bevor im Jahre 1978 der Nationalpark Berchtesgaden ins Leben gerufen wurde, galten die Berchtesgadener Alpen als Geheimtipp für eine reiche Alpenflora. Das beweisen sogar Druckerzeugnisse von damals wie „Fremdenverkehrs“-Prospekte, ja sogar Briefverschluss-Marken, wie sie in den 1930-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts herausgebracht und verwendet wurden. Der auf dem Prospekt abgebildete Apollofalter ist leider schon weitgehend dem Artensterben zum Opfer gefallen; unsere Alpenblumen blühen hingegen Gott-sei-Dank Jahr für Jahr immer noch!

Wer ein Auge für diese Schönheiten der Gebirgsnatur hat, kann immer wieder ins Schwärmen kommen. Meiner Mutter sei gedankt – es gelang ihr, mich schon als Jugendlichen für die alpine Blumenwelt zu interessieren und über meine aufkommende Fotoleidenschaft bin ich schließlich schon als 16-Jähriger zum „Alpenblumen-Begeisterten“ geworden.

Doch damals war es noch weit umständlicher als heute, Nahaufnahmen von Blumen oder Blüten zu machen. Die Foto-Insider werden es wissen: Mit einfachen Sucherkameras brauchte man Vorsatzlinsen, die vor das Objektiv geschraubt wurden. Man musste anhand einer Tabelle zur Vorsatzlinse mit dem Maßband genau die Entfernung messen, den sog. Paralaxenausgleich (d.h. die Abweichung von Sucherbild und Objektivbild) berücksichtigen, meist mit einem externem Belichtungsmesser hantieren usw. usw. Da ging manches Bild daneben und das noch dazu bei damals relativ teurem Filmmaterial.

Wohl dem, der sich damals schon eine Spiegelreflexkamera leisten konnte. Damit sah man vor der Aufnahme durch den Sucher gleich, was aufs Bild kam. Ein weiterer Fortschritt war dann als Zubehör ein sog. Balgengerät, mit dem man immerhin bis zum Maßstab 1:1 bzw. darüber hinaus an das Motiv heranrücken konnte.

Mit dem Aufkommen der Digitalfotografie wurde das alles wesentlich einfacher. Selbst die kleinsten Kompakt-Digital-Fotoapparate haben heutzutage meist einen sog. Makro-Modus, der ein Heranrücken bis auf zehn Zentimeter oder gar noch darunter erlaubt.

Von all` dem konnte ich damals als Jugendlicher nur träumen. Wie stolz war ich, als ich mir durch Ferienjob endlich eine gebrauchte Spiegelreflexkamera leisten konnte. Wiederum meine Mutter diese „Luxus“-Anschaffung unterstützt – eben wegen der gemeinsamen Liebe zur Alpenflora.

Doch zurück zur alpinen Blumenvielfalt im Berchtesgadener Land. Auf Wanderungen von März bis Oktober braucht man das Auge meist nur ein paar Meter abseits der ausgetretenen Wege zu lenken und schon wird man fündig. Es gibt bei uns noch eine Unzahl an überwiegend streng geschützten Alpenblumen, die ganze Bildbände füllen könnten – man muss sie nur sehen!

Damit sie nicht im Laufe der Zeit ausgerottet werden, haben seit jeher der Bund Naturschutz, die Bergwacht und der Alpenverein in Plakat- und Postkartenaktionen auf den Schutz der Alpenblumen hinge-wiesen. Abpflücken wird streng geahndet! Doch mancher selbsternannte Hobby-Botaniker glaubte sich jedoch gelegentlich erlauben zu können, Blumen zwar nicht zu pflücken, dafür aber samt Wurzel auszugraben, um sie zuhause in seinem Alpinum wieder einzupflanzen. Doch dieses Unterfangen geht meistens schief; die Blumen finden sich in den milderen Tallagen oder durch eine ungeeignete Bodenbeschaffenheit bzw. Umgebung auf Dauer nicht zurecht und gehen ein. Darum sollte man sie – bitteschön – in ihrer gewohnten Gebirgslandschaft stehen lassen und sich an ihrem Anblick erfreuen. Auch andere Wanderer haben dann etwas davon. Fotografieren ist selbstverständlich erlaubt, wenn man sich sorgsam bewegt und dabei nicht gleichzeitig ihre Umgebung zertrampelt.

Am Ende sei noch ein Handwerk erwähnt, das sich ebenfalls intensiv mit den Alpenblumen beschäftigte: der Porzellanmalerei in Berchtesgaden. Schon seit 1920 gab es in Berchtesgaden die Porzellanmalerei Adler. Zier- und Gebrauchsgeschirr wurde mit allen erdenklichen und gewünschten Alpenblumenmotiven bemalt und daraus wurden Liebhaberstücke und wahre Berchtesgadener Exportschlager. Woldemar Adler, selbst Porzellanmaler aus Selb in der Oberpfalz ,holte sich nach seiner Firmengründung schon Anfang der 1920-er Jahre talentierte Blumenmaler aus seiner Heimat und aus Thüringen in seine Werkstatt nach Berchtesgaden. Das Porzellanmaler-Atelier Adler wurde zunehmend sogar ein beliebtes Besichtigungsziel an so manchen verregneten Urlaubstagen.

Leider endete mit dem Tod des Firmengründers in den 1960-er Jahren auch die Ära Adler in Berchtesgaden. Einzelne arbeitslos gewordene Blumenmaler konnten noch, sozusagen privat, so manche Kundenwünsche erfüllen, doch auf Dauer gaben auch sie auf. Lediglich die letzte Auszubildende des Jahres 1961 bei der Porzellanmalerei Adler, Helene Stievermann, blieb noch über Jahrzehnte bis heute diesem Metier treu. In Ihrem Ausstellungsraum in der ehemaligen Pfistermühle in der Bräuhausstraße kann man noch so manches Tellerchen oder Väschen mit einer Alpenblume bewundern und natürlich auch erwerben. Dass bei dem zum naturgetreuen Malen von Alpenblumen notwendigen Talent und Zeitaufwand diese Stücke ihren Preis haben, darf nicht verwundern.

Doch auch Frau Stievermann muss nun altersbedingt bald den zarten Pinsel aus der Hand legen und sie sucht im „Berchtesgadener Heimatkalender 2019“ einen talentierten Porzellanmaler bzw. -malerin, die den Betrieb weiterführt und die gesamte Ausrüstung, die man dazu braucht, weiterhin nutzt. Gibt es ungeahnte Künstler oder Künstlerinnen, die die Liebe zur Alpenflora gar zum Beruf – und das in unserer schönen Landschaft! – machen wollen?