Sehr hoch sind sie eigentlich nicht, die beiden Barmsteine, die schroff über der kleinen Ansiedlung Kaltenhausen bei Hallein in schwindelnde Höhe aufzusteigen scheinen.
Durch ihre himmelstürmenden Felswände (die ihnen wohl auch den Namen gegeben haben, weil „barme“ bei den keltischen Vorfahren Fels geheißen hat) aber wirken sie wie mächtige Türme, die sich über dem schönen Salzachtal wahrhaft elegant erheben. Und wer schon auf dem Scheitel eines der beiden Felsen gestanden oder gesessen ist, weiß, wie hoch sie dem Wanderer erscheinen, der sich auf ihre Gipfel gewagt hat.
Es sind zwei Felsen, die ähnlich der Rückenflosse eines gewaltigen Fisches aus dem Salzachtal aufragen feindlich für jeden, der – ohne das Zauberwort zu kennen, das auf überraschend einfache Weise den Zugang ermöglicht – sich ihren Höhen nähern möchte. Zwischen den beiden Felsen klafft eine tiefe, enge Senke.

Sage die Barmsteine Marktschellenberg

Die Sage erzählt uns, wie diese Senke entstanden ist und die beiden Steine ihre überaus charakteristische Form erhalten haben. So erfahren wir, dass vor langen, langen Zeiten der ganze Berg ein durchgehender Kamm gewesen sei, der Wache über dem Tal hielt. Wenige nur wagten es früher, die Höhere zu erklimmen, und sie berichteten, dass es dort oben nicht ganz geheuer sei.
Eines Tages trieb sich wohl auch der Leibhaftige dort oben herum, räkelte sich in der herrlichen Frühlingssonne und ließ sich die warmen Strahlen auf den schwarzen Pelz scheinen. Es is ja bekannt, dass der Teufel, die stetige Hitze der Hölle gewohnt, recht fröstelig und kälteempfindlich zu sein pflegt und – wenn er schon auf der Erdoberfläche sich herumtreibt – nach Möglichkeit die Wärme sucht.
Hier oben aber erging es ihm nicht übel, er lang im Sonnenschein im trockenen Gras und spähte über das Tal hin, beobachtete dort unten die winzigen Pünktchen, die sich Menschen nannten und sann genüsslich darüber nach, wie er Ärger und Zwist in diese sonntägliche Ruhe und Harmonie bringen könnte.
Diese nämlich ist dem Gottseibeiuns ein Graus und er sucht sie zu stören, wo er nur irgend kann.
Just in diesem Moment kam ihm eine Prozession in den Blick, eine lange Schlange von frommen Menschen, gläubig und gottesfürchtig ihre Litanei murmelnd, friedlich hinter dem Priester in seinen feierlichen Messgewändern herschreitend. Die Ministranten trugen große Kerzen und das Kreuz, und vier starke Männer hielten sorgfältig die Stangen mit dem Baldachin über die Monstranz. Die Menge bewegte sich gemessenen Schrittes gegen Oberalm zu, dessen schmucke Pfarrkirche St. Stephan sich über das Dorf und die saftigen Wiesen erhob.
Dieses friedliche und geruhsame Bild verdarb dem Teufel mit einem Male die ganze Laune. Er brummte und knurrte vor sich hin, dass dieser „Betwurm“, wie er die Reihe der Gläubigen verächtlich nannte, ihn in seiner bösartigen Freude am Schlechten zu stören wagte. Wenn der Wind in die richtige Richtung drehte, konnte er sogar Fetzen der Liturgie vernehmen – ein Graus für den Leibhaftigen! Es lief ihm kalt den Rücken hinunter, aber dagegen war sogar er machtlos.
Und ganz plötzlich trug ihm der warme Frühlings-wind – um das Fass gänzlich zum Überlaufen zu bringen! – den Geruch des geweihten Rauches aus dem aus dem schwingenden Becken, das einer der Ministranten trug, in die Nase, ein Geruch, mit dem man bekanntlich den Teufel zur Verzweiflung treiben kann.
In seiner ohnmächtigen Wut begann er wie von Sinnen auf den harten Fels einzuprügeln, er kratzte und scharrte am Stein, dass ihm die Finger bluteten. Er brüllte vor Zorn, schleuderte Steine gegen das Tal hin, wo die Menschen verängstigt den Blick nach oben wandten, das Kreuzzeichen machten und demütig auf die Knie fielen. Polternd stürzten Felsblöcke und ganze Bäume hinunter bis zum Fluss, es stank nach Schwefel und Phosphor, es blitzte und donnerte.
So lange wütete er wie blind vor sich hin, bis sich eine tiefe Scharte im Fels gebildet hatte, die tiefe Kluft zwischen dem kleinen und dem großen Barmstein, die die beiden Gipfel seitdem trennt, und die wir in unserer Unwissenheit gerne für ein Ergebnis von Naturkräften zu halten geneigt sind. Dabei ist es doch ein Werk des Leibhaftigen, das sich unseren ungläubigen Augen darbietet!
Seit dieser Zeit sei es auf den Barmsteinen und im Wald darunter nicht mehr geheuer – sagen die Leute. Immer wieder einmal stürzen Felsen und Bäume in die Tiefe, und die alten Männer und Frauen munkeln verängstigt, es sei wieder Luzifer bei seiner teuflischen Arbeit, unzufrieden mit seinem damaligen satanischen Werk.