Die Geschichte des Bieres ist ein wichtiges Kapitel in der Geschichte der Menschheit, sie ist aber auch ein Blick in die menschliche Seele, ihre Höhen und Tiefen – ihre dunklen Abgründe. Eine abenteuerliche Reise in die Vergangenheit, die uns immer wieder in ihren Bann zieht.
Kaum einen Dichter, Denker oder Philosophen hat die Symbiose, die der Bayer von Anfang an mit seinem Bier eingegangen ist, je kalt gelassen. Ob kritisch, spöttisch, zynisch oder mit unverhohlenem Neid bis hin zur echten Bewunderung – ein gewisses Staunen über dieses rätselhafte Phänomen zieht sich immerzu durch all ihre Zeilen.
Den speckigen Trachtenhut lässig ins Genick gerückt, den Bierbauch gravitätisch nach vorne geschoben, den Hosenlatz im Schatten der Tischkante, die Wadlschoner selbstbewusst über dem dünn behaarten Männerbein, den Maßkrug mit seiner magischen Schaumkrone in der Hand – dieses Motiv war es letztlich, das die Maler und vor allem die Karikaturisten aller Zeiten immer wieder aufgegriffen haben. Und damit war das Klischee vom ewig bierselig aufgedunsenen Urbayern unausrottbar in die Welt gesetzt. Doch wenn man heutzutage mit offenen Augen durch die Wirtshäuser geht und die vielen strammen Mannsbilder und die feschen Weiberleut’ in ihren Trachten am Wirtshaustisch sieht, da tut sich ein ganz anderes Bild vom urigen Stamm der Bayern auf: Charakterköpfe aller Altersklassen von Format, beeindruckend und keineswegs vom Suff gezeichnet.
Mit dem Maßkrug in der Hand, diesem „archaisch-symbolträchtigen Ritualgefäß“, lässt sich die Welt anscheinend aus einem völlig anderen Blickwinkel erleben. Er vereint die vermeintlich Gleichgesinnten – zumindest für die Zeit auf der Bierbank – und erklärt manch Andersdenkenden den Krieg. Denn Bier hat seine eigene Philosophie.
Bier beeinflusste wohl in vielen Ländern, aber besonders in Bayern, auch die Geschichte der Politik, der Kultur und Wirtschaft, es wirkte bis hinein in die Klausuren der Klöster und in die Sozial- und Sittengeschichte. Vor allem aber prägte es die Volksmentalität und das Zusammengehörigkeitsgefühl.
Der Dichter und Nobelpreisträger Paul Heyse resümierte über die demokratisierende Wirkung des Bieres in Bayern 1854: „Der geringste Arbeiter war sich bewusst, dass der hochgeborene Fürst und Graf keinen besseren Trunk sich verschaffen konnte als er. Die Gleichheit vor dem Nationalgetränk milderte den Druck der sozialen Gegensätze. Wenn im Frühling noch der Bock hinzukam, konnte man in manchen Wirtsgärten eine so gemischte Gesellschaft zwanglos beisammen finden, wie sie in Berlin nirgends anzutreffen war.“
Die Verbundenheit des Bayern mit seinem Bier ist in vielen Reiseberichten aus der guten alten Zeit teils mit Verwunderung und Bewunderung, teils aber auch mit Befremden geschildert worden. Eine bemerkenswert kritische Kostprobe lesen wir bei dem schlesischen Literaten Heinrich Laube im Jahr 1834: „Als wir auf der Poststation ankamen, hatte ich gehörigen Hunger. In einem gut bayerischen Wirtshause ist aber nichts als Bier zu haben. Die schläfrige Magd kochte uns brummend ein Warmbier und wir aßen trockenes Brot dazu. Es ist unglaublich, wie abgeschlossen fertig die Bayern sind und wie wenig sie von der übrigen Welt verlangen. Wenn sie etwas sprechen, so betrifft es immer Bayern, sie sind ganz verwundert, dass hinter den Bergen auch Menschen wohnen. Sie sind ein streng abgesondertes Völkchen, ihr Nationalheiligtum ist das Bier. Wenn der Bayer draußen in der großen Welt Heimweh empfindet, so ist das nichts als Durst nach bayerischem Bier. Man trinkt hier absolut, an sich, bloß um zu trinken, ohne störende Nebenzwecke.“

Lassen wir zum Ausklang einen ausgewiesenen Bayern-Kenner zum Thema Bier zu Wort kommen – den Star-Kabarettisten Bruno Jonas, einen der besten Kenner der Abgründe der bayerischen Seele: „Ob ein Bayer vom bayerischen Bier überhaupt zu viel kriegen kann, ist eine wichtige Frage, die unter Bayern immer eine ausschlaggebende Rolle spielt, weil die Menge getrunkenen Bieres Rückschlüsse auf die Stärke des Trinkers zulässt. ‚Wia viu vertragst denn überhaupts?‘ fragen nicht nur professionelle Gerstenfreunde, sondern auch gelegentliche Biertrinker einander. ‚Zwoa, drei Maß pack i scho‘, antwortet der andere mit hochgezogenen Augenbrauen. Damit ist klar, dass man einen vor sich hat, mit dem man rechnen muss. Das heißt, einer wie der wird nicht gleich gehen, der bleibt hocken. Hockenbleiben können ist eine hochgeschätzte Fähigkeit in Bayern.
Vor allem in der Politik … Bayerisches Bier ist gut verträglich, und manche schaffen an einem Tag ihre zwanzg Hoibe‘ … Solche Mengen trinken zu können, setzt selbstverständlich jahrelanges intensives Training voraus. Es gibt Biertrinker, die eine Halbe in einem Zug leeren können. Dieses Können wird mit dem Ausdruck ‚Presshoibe‘ treffend gekennzeichnet. Dabei schütten sich die Könner das Bier in den weit geöffneten Hals. Jeder Ungeübte würde scheitern und müsste das Glas absetzen. Diesen ‚Presshoibe‘-Trinkern gelingt es, den natürlichen Zwang zum Schlucken weitgehend außer Kraft zu setzen, so dass das Bier wie durch einen weit geöffneten Trichter in den Rachen hinabstürzen kann – wie ein imposanter Wasserfall …
Die Bindung des Bayern zu seinem Bier reichte buchstäblich von der Wiege bis zur Bahre – alle wichtigen Anlässe und Eckpunkte im Leben und viele Bräuche ließ er im gemeinsamen Trunk ausklingen. Dies gilt größtenteils auch noch heute.
Das Kindel- und Kindstaufbier wurde zu Geburt und Taufe getrunken, das meiste bei der Hochzeit, etliches Tröstelbier beim Leichenmahl. Dann gab es einst noch das Mistel- und Grasbier zur Wiesmahd, das Fenster- oder Lehmelbier zum Ausbessern der Fenster oder Wände, das Neubauerbier zur Aufnahme eines Neubauern, das Schluss- oder Firstbier beim Richtfest. Dass beim Aufstellen des Maibaums und bei manch anderen Bräuchen ebenso wie bei Wallfahrten und Prozessionen das Bier in Strömen floss und auch weiterhin fließt, bedarf wohl kaum der Bestätigung.
Wenn wir in der längst anerkannten Fachliteratur nachschlagen, um uns über den Ursprung des Bieres kundig zu machen, dann ist dies für manchen geradezu ein Schock, ein Schlag ins Gesicht! Aber nur für’s Erste: Bier ist keineswegs eine bayerische Erfindung – steht da geschrieben – es ist in seinen vielfältigen Vor- und Frühformen weit außerhalb von Europa schon vor Tausenden von Jahren nachzuweisen und im Alten Orient erstmals sogar schriftlich bezeugt! Übrigens ist Wein erst viel später urkundlich belegt. Bier ist bedeutend älter als Wein. Die Bayern haben auch den Zusatz von Hopfen ins Bier nicht erfunden. Jedenfalls waren es fremde Völker, die unabhängig voneinander in den verschiedensten Zeiträumen frühe Formen von Bier eher durch einen Zufall entdeckten als erfanden. Historisch gesehen kam das Bier in Bayern als Volksgetränk erst relativ spät zu seiner Vorrangstellung, sogar später als in Norddeutschland! Doch dann holte Bayern schnell auf und entwickelte hierbei seine ganz eigene gewaltige Dynamik. Ein atemberaubender Weg von der Geburtsstunde des Bieres in Bayern, der sich zu einem Siegeszug ohnegleichen um die ganze Welt gestaltete.

Quelle: „Mythos Bier‟ von Paul Werner, Plenk Verlag.