Mein Leben als Hüttenwirt auf dem Carl-von-Stahl-Haus in den Berchtesgadener Bergen

Im Winter mussten wir nicht nur mit den Stürmen leben, sondern auch mit den Lawinen.
Wie überall in den Alpen haben die bekannten Lawinen, die seit Jahrhunderten immer an derselben Stelle abgehen, ihre eigenen Namen. Das Ausmaß, die Zeit und Richtung sind je nach Schnee, Wind und Temperatur nie voraussehbar. Wenn ein Wald 100 Jahre alt ist, ist es kein Wunder, wenn eine Lawine nach dieser Zeit den Wald wieder niederlegt. Vom Torrener Joch bis zum Jennergebiet sind laut Aufzeichnungen bereits acht Lawinentote zu beklagen. Die ersten drei Toten gab es bereits 1810, als drei Bergknappen von einer Lawine, die vom Jenner kam, verschüttet wurden. Alle anderen sind in diesem Buch beschrieben. Dass vom Jenner über den Spinnergraben eine Lawine bis nach Königssee abging, weiß ich aus Erzählungen. Es war für mich sehr schwer, überhaupt Belege und Hinweise zu finden, aber ich konnte einen ziemlich sicheren Beweis ausfindig machen. Eine große Grundlawine (Gleitschneelawine), die den Steinwandkaser bei den Kirschbäumen und den Klauskaser in der Nähe vom Beck-Haus wegriss und einen Wald, wo jetzt die Mittelstation steht, niederlegte, muss in der ersten Maiwoche im Jahre 1909 abgegangen sein. Diese Information erfuhr ich, als ich mit Toni wieder einmal Richtung Jenner ging und vor dem Steinwandkaser stand. Sepp, der Bauer, war vor der Hütte und er wusste allerhand. An diesem Tag zeigte er mir eine Stufe, die in den Keller führte, in der „1910“ eingeschnitzt ist. Weiter erzählte er mir – das wusste er von seinem Vater – im ersten Jahr nach der großen Lawine, baute man den Klauskaser wieder auf und beide Bauern (vom Steinwand- und vom Klauskaser) waren im neu gebauten Kaser einen Sommer lang zusammen. Dieser Kaser steht immer noch bei der Mittelstation. Erst ein Jahr später wurde der Steinwandkaser an der heutigen Stelle aufgebaut.

Heli Pfitzer
StaadeZeit_Plenk

Nun wieder nach Österreich: Die Lawine, die schon zwei Leben gefordert hat, löst sich immer unterhalb der Pfaffenköpfe. Bei extremer Schneelage könnte sie einen Teil des Stahlhauses erreichen. In meinen vierzig Wintern kamen dreimal Ausläufer über das Wasserbassin bis zum Zaun herunter. Der Rest der Lawine geht in den steilen Graben Richtung Oberjoch. Im Jahre 1982, als in Werfenweng die 13 Toten von der Kurzschule Berchtesgaden zu beklagen waren, ging in diesen Graben eine Jahrhundertlawine ab. Ich schätzte die Lawine damals so ein, da sie drei alte Lärchen samt den Wurzeln wegriss und diese 200 Meter mitnahm.
Stahlhaus-Toni und ich fuhren einmal in Theos Zeiten ins Joch ab. Es war eine längere Schlechtwetterperiode vorausgegangen, die viel Schnee gebracht hatte. Wir merkten im Graben, dass die Gegend etwas verändert war. Eine Staublawine hatte sich unterhalb vom Brettgipfel in ca. 2.300 Meter gelöst, fiel etwa 500 Höhenmeter runter und blieb nach 1,5 Kilometer stehen. Die Lawine wechselte einmal die Richtung und fegte über die Stütze 3, die auf einem Gegenhang steht, hinweg. Toni und mir war die Mächtigkeit der Lawine nicht ganz bewusst. Wir merkten nur, dass an den vielen Lärchen bis zu den Gipfeln die Äste fehlten. Staublawinen gehen hauptsächlich in der Nacht, wenn der Sturm am stärksten weht, ab. Da es meist noch weiter schneit, sieht man oft das Ausmaß erst im Frühjahr. So war es auch hier. Viele Äste und kleine Bäume lagen in der Flussrichtung der Lawine und 15 tote Gämsen lagen auf einem Haufen am Gegenhang. Ein Stück unterhalb kommt die Wieserfeldlawine. Der Anriss der Lawine ist oft vom Brettriedl (2.300 Meter) bis zum Achenkopf möglich. Je nach Ausmaß kommen die Schneemassen von zwei Gräben in einem zusammen. Kommt es zu einer Staublawine, fegt sie sogar über die Hälfte vom Oberjoch nahe an den Almen vorbei, fast bis runter zu meiner Talstation. Auch die Stütze 3 steht im Einzugsgebiet. Die Lawine vom Achenkopf geht zur Gänze Richtung Unterjoch an den Jagdhäusern vorbei auf die Kaserei zu.
Es war der 23.02.1999, als sich in Galltür die Lawinenkatastrophe ereignete. Irmgard und ich waren allein auf der Hütte. Am Nachmittag horchten wir die Nachrichten an: In Galltür hat sich eine Katastrophe angebahnt. Genau um 21:00 Uhr klirrte und schepperte es fürchterlich. Mein erster Gedanke: Eine Lawine im Bierkeller. Das war aber der sicherste Platz im ganzen Haus. Ich eilte in die Seilbahnstation und sah das Chaos. In dem Seilbahngehänge hatte ich ca. 25 leere Bierkisten aufgeladen. Die Bierkisten mit den Flaschen waren in der ganzen Hütte verstreut. Vor den Toren der Seilbahn waren über drei Meter Schnee, sonst wären die Tore auch zertrümmert gewesen. Was war passiert? Zu viel Eisanhang? Eine Lawine? Auf alle Fälle ein Seilriss. Ich musste auf besseres Wetter warten. Es dauerte noch zwei Tage und ich konnte mit dem Fernglas die Seilbahnstrecke absuchen. Stütze 3, die im gefährdeten Bereich war, stand noch. Auch die unterste Stütze war noch da, aber Stütze 2 war weg. Genau die, an die ich nie gedacht hätte. Eine riesige Lawine ging vom Brettriedl über fast die ganze Breite des Hohen Brettes ab. Die Lawine nahm alles mit, was im Weg stand, zertrümmerte die Stütze und blieb kurz vor der Talstation stehen. Etwa 1.000 Höhenmeter und eine Strecke von zwei Kilometer legte die Staublawine zurück und änderte einmal die Richtung um 90°. Es war schon die zweite Schadenslawine an meiner Seilbahn.
Im Jahre 1987 ging das Jahr wieder einmal gut an. An der linken Seite von meiner Talstation zieht sich vom Schneibstein ein steiler Graben herunter. Man nennt das Gebiet die Zistel. Manchmal kamen kleine Gleitschneelawinen bis zur Straße herunter. Die Seilbahnstation steht weiter rechts und ist von einem lichten Wald geschützt, das dachte ich mir. Es war der 01.01.1987, da kam ein Stammgast von Golling herauf und sagte zu mir: „Deine Seilbahn schaut etwas komisch aus, die ist ziemlich flach geworden.“ Ich ahnte Fürchterliches. Zwei Tage später, als ich Zeit hatte, fuhr ich mit zwei Freunden zur Seilbahn hinunter. Eine Lawine war vom Schneibstein durch den Wald heruntergekommen und hatte die Hütte wie ein Kartenhaus umgelegt. Das Dach war nur eingedrückt. Der Rest war ziemlich platt. In der Osterwoche hatte ich mehrere Helfer engagiert. Wir fingen an, die ganze Hütte auszuschaufeln und zu zerlegen. Eine ganze Woche fuhren wir mit den Skiern runter, arbeiteten sieben bis acht Stunden und gingen so ziemlich auf dem Zahnfleisch wieder hinauf aufs Stahlhaus. Dank meiner guten Helfer kamen wir schnell voran. Als wir fünf Fässer Diesel, die unversehrt geblieben waren, ausgeschaufelt hatten, fiel mir ein sehr großer Stein vom Herzen. Wir bauten eine Behelfsstütze und so fuhren wir den ganzen Sommer, bis die neue Hütte mit Pultdach stand. Die Hütte baute aber eine Firma.
Nun zu den großen Lawinen: Ja, es gibt noch eine Steigerung. Das sind zwar Lawinen, die „nur“ die Straße verschütten, aber somit war unser Transportweg betroffen. All die Lawinen, die ich erlebt hatte, waren nie so mächtig wie in frühesten Zeiten. Die Glaubing ist eine Lawine, die vom Grünwandkopf abgeht. Diese war 1946 so mächtig, dass der Balkon und das Vordach der Kaserei in Unterjoch weggerissen wurden, ziemlich sicher ging zur gleicher Zeit auch die Achenkopflawine ab. Diese Lawine riss bei den Jagdhäusern die Garage weg. Ich fand Aufzeichnungen von dieser Großlawine in einem Tagebuch der Jäger, das mir Familie Meggle freundlicherweise zur Verfügung stellte. Nach Erzählungen blieb der Schnee bis in den nächsten Winter liegen. In meiner Zeit waren die Aufschüttungen meistens zwischen 10 und 15 Meter hoch. Bei der Lawine vom Achenkopf hatten wir Im Jahr 2005 auch 12 Gämsen und einen Fuchs bei den Freiräumen der Lawine ausgegraben. Das Aufschüttungsgebiet liegt auf 1140 Metern, das Anrissgebiet auf 2.200 Metern. Die nächste Lawine, die die Straße verschüttet, ist die Almwinkellawine. Die Abrissstelle befindet sich an der Kammererschneid und am Gruberhorn auf ca. 2.100 Metern und geht an der Almwinkelalm vorbei, durch eine Engstelle und der meiste Schnee bleibt auf der Jochstraße auf 980 Metern liegen. Auch hier gibt es Aufschüttungen von weit über 15 Metern. Die letzte, die die Jochstraße betrifft, ist die Gföllbachlawine oder Fendbachlawine. Dieser Lawinenstrich ist schon im Tal in der Nähe der Bärenhütte auf 500 m. In meiner Zeit kamen nur zwei Staublawinen an dieser Stelle herunter und hatten nur ca. zwei Meter Aufschüttung. An dieser Stelle legte auch 1946 wie im Unterjoch, eine Staublawine einen ganzen Wald um und es dauerte zwei Jahre, bis Schnee und Holz beseitigt waren.
Wir als Hüttenwirte mussten immer irgendwie im Frühjahr unsere Versorgungswege wieder befahrbar machen. Am Anfang kannten wir nichts anderes als Krampen und Schaufeln, um die Lawinenkegel zu beseitigen. Es war eine harte Arbeit. Eine Lawine besteht aus steinhartem Schnee, Eis und ist mit Steinen und Holz gemischt. Die Brücke, die über den Bach der Almwinkellawine führte, wurde regelmäßig weggerissen, bis man sie aus Beton baute. Die Brücke bei der Glaubing war nur einmal in meiner Zeit auf der anderen Straßenseite gelandet. Bei den Aktionen „Lawinenschaufeln“ hatte ich immer gute Helfer von drüben und herüben und alle halfen mir für eine gute Brotzeit und ein paar Halbe Bier. Als wir Besitzer einer Motorsäge wurden, setzten wir diese auch ein. In den späteren Jahren holten wir Bagger zu Hilfe. Dies war eine kostspielige Angelegenheit, da meist nur ein Almbauer mitbezahlte. Nur der jetzige bayrische Jagdpächter hatte sich immer beteiligt. Auch hier mussten wir lernen, wann es Sinn machte, mit der Straßenräumung anzufangen. Wohin mit dem Schnee? Was für Räumfahrzeuge? Am Anfang holten wir einmal einen Bagger und eine Schubraupe zu Hilfe. Nach zwei Tagen war der Erfolg gleich null und es wurde uns zu teuer. Also wurde diese Schneeräumung wieder eingestellt. Aber bevor die Fahrzeuge wieder runterfuhren, sagten wir zum Raupenfahrer, dass er uns über die Lawine einen Weg schieben solle. Auf der anderen Seite der Lawine war nämlich die Straße schneefrei und somit befahrbar. So fuhren wir über acht Tage über die Lawine, bis sich die Schneedecke senkte und der Wegrand immer höher wurde. Bevor wir aber nicht mehr rüberfahren konnten, stellte ich meinen VW-Käfer auf die andere Lawinenseite. So fuhren wir mit dem VW-Pritschen-wagen bis zur Lawine, trugen all die benötigten Waren über die Lawine und fuhren mit dem Käfer bis zur Seilbahn.
Wenn man am Berg wohnt, lernt man sich zu helfen. So war es sehr wichtig, die Wintereindeckung so zu gestalten, dass zumindest die schweren Waren bis zu acht Monaten nicht ausgingen. Das gelang aber leider nicht immer. Zur heutigen Zeit wäre ein Hubschraubereinsatz auf alle Fälle einfacher und billiger.