Fahrziel Natur – Umweltfreundlich unterwegs in Nationalparks, Naturparks und Biosphärenreservaten: Vorfahrt für den Klimaschutz.
So titelt die Werbebroschüre von DBFernverkehr in Zusammenarbeit mit BUND, Nabu und Verkehrsclub Deutschland (VCD) sowie mit ca. 20 Urlaubsorten in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Und Berchtesgaden mit seinem einzigartigen Nationalpark ist auch dabei! Alle Ziele haben sich den „sanften Tourismus“ auf die Fahnen geschrieben. Nicht nur die Anreise mit der Bahn auf elektrisch und mit 100% Ökostrom betriebenen Strecken zeichnet sie aus; auch die Mobilität vor Ort mit öffentlichen Verkehrsmitteln – und das kostenlos mit der Gästekarte (!) – gehört zu ihrem Markenzeichen. Die Bahn bietet zusammen mit Hoteliers interessante Pauschalangebote!

Dann gibt es aber noch eine weitere touristische Markengruppe: die „Alpine Pearls, die Perlen der Alpen“ in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Frankreich und Italien, die sich ebenfalls dem sanften Tourismus verschrieben haben. Auch da ist Berchtesgaden, zusammen mit Bad Reichenhall – übrigens die beiden einzigen deutschen Urlaubsorte – mit von der Partie. Wenn das keine Auszeichnung, aber auch Verpflichtung ist!
Berchtesgaden kann stolz darauf sein, schon im Jahre 1908 mit dem elektrischen Zugbetrieb begonnen zu haben. Es begann keineswegs auf der für sie wichtigsten Bahnstrecke Freilassing – Bad Reichenhall – Berchtesgaden, die als einzige auch heute noch besteht, sondern auf der Lokalbahn Salzburg – Marktschellenberg – Berchtesgaden. Diese Bahn war auf bayerischer Seite als Verlängerung des österreichischen Streckenteils am 16. Juli 1907 von der Kgl. Bayerischen Staatsbahn (KBayStsB) in Betrieb genommen und schon am 15. Januar 1908 auf elektrische Triebwagen umgestellt worden. Dazu hatte man in Unterau-Gartenau an der Berchtesgadener Ache ein Wasserkraftwerk errichtet, das auch heute noch besteht. Und welch` geniale Idee obendrein: während in der Nachtzeit der Bahnbetrieb ruhte, lieferte man den nicht benötigten Strom über eine Speiseleitung längs der Strecke an die Königssee-Schifffahrt, die damit die Akkus ihrer Elektroboote auflud. Denn schon im Mai 1909 eröffnete man eine fünf Kilometer lange Weiterführung der Lokalbahn von Berchtesgaden zum Königssee, da der Besucherstrom zu diesem einmaligen Gebirgssee auch aus dem Nachbarland immer mehr zunahm. Die Königsseebahn könnte heuer ihren 110. Geburtstag feiern, wenn es sie noch gäbe. Leider fiel sie in den 1960er Jahren dem aufkommenden Individualverkehr zum Opfer. Eine größere Streckensanierung stand damals an und niemand kam auf die Idee, das Geld vielleicht in einer konzertierten Aktion zusammen zu tragen. Heute trauern immer noch viele – ältere Urlauber wie Einheimische – um den Verlust der Königsseebahn, die ihren Betrieb am 2. Oktober 1965 ein für alle Mal einstellte. Sie könnte einen großen Teil des zeitweise überbordenden Individualverkehrs übernehmen. Auch die Lokalbahn von Berchtesgaden über Marktschellenberg nach Salzburg existiert leider nicht mehr: 1938 war sie auf Berchtesgadener Seite vom Salzbergwerk bis zur Landesgrenze von den nationalsozialistischen Machthabern über Nacht abgebaut worden, um einer breiten Asphaltstraße gen Österreich Platz zu machen. Die stattdessen in Angriff genommene 2-gleisige Hauptbahn mit Einschleifung in Salzburg-Elsbethen in die Tauernbahn konnte ab 1940 wegen des Kriegsbeginns nicht mehr weitergebaut werden. Lediglich der 240 Meter lange Tunnel östlich des Berchtesgadener Hauptbahnhofs ist noch ein Relikt dieser hochtrabenden Pläne.
Zum Glück verblieb den Berchtesgadenern bis zum heutigen Tage die 1888 zunächst mit Dampfloks in Betrieb genommene Strecke Bad Reichenhall – Berchtesgaden. Die Kurstadt war dagegen schon 1866 mit der Bahn von Freilassing her an die Hauptbahn München – Salzburg angeschlossen. Dass Berchtesgaden noch weitere 22 Jahre auf den Schienenanschluss warten musste, hing mit den äußerst schwierigen geografischen Trassierungsverhältnissen und einem respektablen Höhenunterschied von rund 250 Metern von Bad Reichenhall hinauf zum Hallthurmpass zusammen. Und auch eine spezielle, leistungsstarke Dampflok musste für diese Steilstrecke konstruiert werden. Nach der feierlichen, mit Böllerschüssen begleiteten Eröffnung am 25. Oktober 1888 mussten dann wiederum 28 Jahre lang die Heizer auf den Dampfloks ihren knochenharten Job verrichten, um die Züge kraftvoll bergan zu befördern.
Da trat der berühmte Münchener Ingenieur Oskar von Miller auf den Plan, der die Idee hatte, die Strecke auf elektrischen Zugbetrieb umzustellen und die gesamte Strecke aus dem neu zu errichtenden Saalach-Kraftwerk zu speisen. Auch eine beträchtliche Fahrzeitverkürzung ließ sich dadurch realisieren. In den Jahren 1911 bis 1913 wurde das Kraftwerk, das bis auf den heutigen Tag (!) Bahnstrom für die Strecke liefert, gebaut und ging am 1. November 1913 ans Netz. Doch der bevorstehende Erste Weltkrieg verzögerte den Bau und die rechtzeitige Lieferung neuer, speziell notwendiger elektrischer Lokomotiven, eigens konstruiert für die Steilstrecke. Rüstungsgüter hatten bei der Industrie absoluten Vorrang! Erst als die ersten zwei elektrischen Lokomotiven der Gattung EP 3/6 das Werk in München verlassen konnten, wurde am 7. August 1916 der elektrische Betrieb aufgenommen. Somit fahren auf dieser Strecke seit nahezu 103 Jahren elektrische Triebfahrzeuge! Ein Kuriosum am Rande: Wenn man sich das Foto dieser ersten elektrischen Lokomotive genauer anschaut, dann wird man entdecken, dass diese elektrische Lokomotive einen Schornstein hat! In der Maschine war nämlich ein koksgefeuerter Dampfkessel untergebracht, um damit die gezogene Wagengarnitur zu beheizen. Eine elektrische Waggonbeheizung von der Lok her gab es damals noch nicht. Somit brauchte diese elektrische Lokomotive in der kalten Jahreszeit neben dem Lokführer noch einen zusätzlichen Heizer!
Welche Erkenntnis bleibt uns nach diesem kleinen Rückblick auf die Berchtesgadener Bahngeschichte? Es liegt in diesen Tagen an uns allen, den Urlaubern wie auch den eigenen Landsleuten, mit unserem Mobilitätsverhalten zum wirtschaftlichen Fortbestand der elektrischen Bahnstrecke beizutragen. Der Gesichtspunkt „Umweltfreundlichkeit und Nachhaltigkeit – Vorfahrt für den Klimaschutz“ wiegt heute schwerer denn je! „Ein autofreier Urlaub ist kein Verzicht, sondern eine wahre Bereicherung“, propagieren die „Alpine Pearls“ und auch hiesige Bahnnutzer und Berufspendler könnten sich manchen Stress ersparen.

Text von Manfred Angerer