Bootsbau – Zu Besuch bei der Werft am Königssee

2019 feiert die Königsseeschifffahrt ein Jubiläum: 110 Jahre Elektroschifffahrt auf dem Königssee. Mit dem Aufschwung des Fremdenverkehrs um die Jahrhundertwende kamen immer mehr Gäste nach Berchtesgaden und Königssee. Dieser Trend ist seither nicht abgerissen. Der Königssee mit seiner Halbinsel und deren Wallfahrtskirche Sankt Bartholomä ist bei den Gästen sehr beliebt.

Im Jahre 1908 wurden etwa 78.000 Gäste mit Muskelkraft und 57 Ruderbooten über den See gebracht. Dass dies eine schweißtreibende Arbeit war, kann sich sicherlich jeder gut ausmalen, der schon einmal über den See gefahren ist und ein Gefühl für die Entfernung gewonnen hat.

Prinzregent Luitpold veranlasste damals, dass die Motorschifffahrt eingeführt werden müsse, da zu erwarten war, dass die Besucherzahlen in naher Zukunft steigen. 1909 war es dann soweit: Vier Boote – ein Elektroboot, zwei mit Petroleum befeuerte Dampfmaschinenboote und ein kleines Elektroboot ausschließlich für Hofdienstzwecke – nahmen den Betrieb auf.


Hauseigene Werft

Seit 1983 werden die Schiffe für die Königsseeflotte in der hauseigenen Werft am Königssee gebaut. Alles wird unter der Regie von Bootsbaumeister Sebastian Maltan fertig gestellt. Mittlerweile ist die Königsseeflotte auf stattliche 18 Boote angewachsen – ein kleineres Boot ist hier gar nicht einberechnet – und jährlich werden bis zu 800.000 Gäste über den See gefahren.
Beim Antrieb der Boote hat sich seit 1909 – bis auf wenige Ausnahmen – nichts verändert. Ausschließlich Elektroboote fahren über den See und schonen somit die Umwelt. Die Schiffsbatterien wiegen vier Tonnen und haben eine Lebensdauer von etwa sieben Jahren. Die Kapazität der Batterien von 800 Amperstunde (Ah) ist ausreichend für den ganztägigen Fahrbetrieb. Das entspricht einer Fahrstrecke von 120 Kilometern bei 80-prozentiger Entladung am Tag. Über Nacht werden die Batterien wieder geladen.
Die älteren Boote sind komplett aus Holz gebaut. In jüngerer Zeit allerdings wurden Boote mit einem Stahlrumpf fertig gestellt. „Die Boote mit Stahlrumpf sind für den Winterbetrieb besser geeignet‟, erläutert Bootsbaumeister Sebastian Maltan. Den reinen Holzbooten setzt die Witterung im Winter zu sehr zu. Vier Stahlboote fahren gegenwärtig über den See, ein fünftes Boot wird in mühevoller Handarbeit in der Werft gebaut. Bootsbauer, Schreiner, Zimmerer, Maler, Elektriker, Schlosser und Sattler fertigen in liebevoller Detailarbeit alle Ein- und Ausbauten.

Erst im April 2017 wurde ein Boot mit Stahlrumpf namens ´Marktschellenberg´ eingeweiht. Es ist das bisher größte Boot der Königsseeflotte und kann 10 Prozent mehr Gäste befördern als die vorigen größeren Boote der Generation. Es misst eine Länge von 22 Metern, eine Breite von 3,90 Metern und hat ein Leergewicht von 21 Tonnen. Es erreicht eine Geschwindigkeit von 12 km/h. Bis auf den Rumpf wurde das Boot komplett in der Königsseewerft gebaut.


Neues Boot, vermutlich ab November

Seit November 2018 bauen alle Mitarbeiter der Werft am Königssee an einem 20. Boot. Es ist baugleich zur im April 2017 eingeweihten ´Marktschellenberg´. Nach genauen Bauplänen und Berechnungen von Bootsbaumeister Sebastian Maltan stellen 40 Mitarbeiter in der Werft am Königssee das Boot seit einiger Zeit fertig. Etwa 6.000 Arbeitsstunden fallen dabei an. Nur der Rumpf wird von einer anderen Werft in Deutschland bezogen. Stahlbau geht am Königssee nicht. Am 17. November 2018 war es soweit. Der Stahlrumpf wurde an die Königsseeschifffahrt ausgeliefert.

„Bei der Planung müssen wir die Gewichtsverteilung haargenau berechnen‟, unterstreicht Sebastian Maltan. Im Nachhinein könne man daran nichts mehr verändern. Das Boot würde Schlagseite haben und nicht geradeaus fahren! So ist schon beim Stahlrumpf die genaue Planung für die Vorrichtungen der Batterien, den dahinter liegenden 110-Volt-Reihenschlussmotor, die Vorrichtungen für die Elektrik und die Heizung – die später mit Diesel betrieben wird – u.v.m. sehr wichtig. Sogar der Kapitän, der auf Backbord sitzt, wird in die Gewichtsberechnungen miteinbezogen.

Traditionell wird der Stil der Flotte beibehalten. So ist eine Toilette oder eine Bewirtung an Boot nicht vorgesehen.

Der äußere Aufbau des Bootes besteht aus Mahagoni-Holz. Es ist ein Tropenholz, allerdings beim Bootsbau unverzichtbar. Es ist sehr langlebig. Laut Sebastian Maltan würde das Holz nach 50 Jahren – wenn es vom Lack befreit und abgeschliffen ist – wie neu aussehen. Die Innenausbauten werden aus heimischen Hölzern gefertigt. Das Dach besteht aus einem Leinenstoff, der mehrmals mit weißer Farbe eingepinselt und dann wieder fein abgeschliffen wird. Das Dach hält so den Temperaturunterschieden stand.


Sicherheit an Bord

Alle Sitzpolster an Bord sind so ausgelegt, dass sie als Rettungskissen dienen können. Sie erfüllen den Zweck eines Rettungsrings und gehen im Wasser nicht unter. Auch sind die Boote der Königsseeschifffahrt mit modernem GPS, Radar und Funk ausgestattet. Kameras am Boot sind auch installiert: eine Kamera am Heck und je eine Kamera an beiden Einstiegen. So wird der Ein- und Ausstieg am Steg nicht nur vom Begleitpersonal überwacht, sondern auch der Kapitän hat alles im Blickfeld.

Das neue Boot, dessen Namen noch nicht preisgegeben wird, um Unglück außen vorzuhalten, wird als Fahrgastboot ab Ende November die bestehende Königsseeflotte verstärken. So sind dann 19 große und ein kleines Boot für die Gäste am Königssee im Einsatz.